Achtsamkeit: Was ist das eigentlich?

Aktualisiert: 30.08.2026 

von Inga Mehlhardt

Bei Achtsamkeit denken viele zuerst an Meditation. An stilles Sitzen, geschlossene Augen und möglichst wenig Gedanken. Das kann dazugehören, muss es aber nicht.

Achtsamkeit beginnt oft viel unspektakulärer. Du merkst beim Mittagessen, dass Du eigentlich längst satt bist. Mitten in einem Gespräch fällt Dir auf, dass Du immer angespannter wirst. Oder Du bleibst draußen kurz stehen, weil die Luft anders riecht als noch am Morgen. Im Grunde geht es erst einmal darum, wahrzunehmen, was gerade passiert.

Das klingt einfach. Im Alltag sind wir mit unserer Aufmerksamkeit allerdings erstaunlich oft ganz woanders.

Achtsam sein heißt erst einmal bemerken

Während Du morgens Kaffee machst, denkst Du schon an den ersten Termin. Unter der Dusche gehst Du das Gespräch von gestern noch einmal durch. Beim Spaziergang überlegst Du, was später noch erledigt werden muss.

Das ist ganz normal und Achtsamkeit bedeutet auch nicht, dass das nicht mehr passieren sollte. Es geht nicht darum, möglichst oft vollkommen im Moment zu sein.

Interessanter ist der Augenblick, in dem Du bemerkst: Ich bin gerade überhaupt nicht bei dem, was ich tue.

Dann kannst Du Deine Aufmerksamkeit wieder auf das richten, was im Moment tatsächlich da ist. Auf das Geräusch des Wassers, auf Deinen Atem, auf den Menschen vor Dir oder darauf, wie sich Dein Körper gerade anfühlt. Auch Deine Gedanken gehören dazu. Achtsamkeit bedeutet nicht, einen leeren Kopf zu bekommen oder Gedanken irgendwie abstellen zu müssen.

Es geht vielmehr darum, etwas wahrzunehmen, bevor wir sofort bewerten, erklären oder darauf reagieren.

Was Achtsamkeit im Alltag verändern kann

Manche Dinge bemerken wir erst, wenn wir längst mittendrin sind. Wir haben schon Ja gesagt, obwohl wir eigentlich Nein meinten. Wir antworten gereizt und merken erst hinterher, wie angespannt wir waren. Oder wir machen einfach weiter, obwohl wir schon seit einer Stunde eine Pause bräuchten.

Achtsamkeit kann helfen, solche Momente früher wahrzunehmen. Nicht immer und auch nicht perfekt. Aber manchmal entsteht dadurch ein kleiner Zwischenraum: Ich merke, was gerade in mir passiert, bevor ich automatisch darauf reagiere.

Da ist zum Beispiel Ärger. Mein erster Impuls wäre, sofort etwas zu sagen. Wenn ich den Ärger bemerke, kann ich kurz prüfen: Möchte ich jetzt wirklich antworten? Brauche ich erst einen Moment? Oder möchte ich ganz bewusst etwas ansprechen?

Ähnlich kann es mit einem automatischen Ja sein. Ich höre eine Bitte und bin schon fast dabei zuzustimmen. Dann merke ich, dass sich das gerade gar nicht gut anfühlt. Dieses Wahrnehmen entscheidet noch nichts. Aber es gibt mir die Möglichkeit, nicht einfach meinem gewohnten Muster zu folgen.

Genau darin liegt für mich ein wichtiger Nutzen von Achtsamkeit. Zwischen Wahrnehmung und Reaktion kann ein Moment entstehen, in dem wieder eine Entscheidung möglich wird.

Manchmal reagierst Du danach genauso wie sonst. Manchmal anders. Der Unterschied ist, dass die Reaktion ein bisschen weniger automatisch passiert.

Achtsamkeit lässt sich mitten im Alltag üben

Damit dieses Innehalten auch in schwierigeren Situationen leichter gelingt, können wir es dort üben, wo gerade gar nichts Besonderes passiert.

Du brauchst dafür weder ein Meditationskissen noch eine feste Morgenroutine. Ein paar bewusste Momente im Alltag reichen völlig.

Unter der Dusche kannst Du Dir für eine Weile wirklich Zeit zum Wahrnehmen nehmen. Was hörst Du? Wie fühlt sich das Wasser auf der Haut an? Ist es überall gleich warm? Wie verändert sich das Gefühl, wenn Du Dich bewegst?

Beim Treppensteigen könntest Du einmal darauf achten, was Dein Körper eigentlich alles macht, ohne dass Du normalerweise darüber nachdenkst. Welche Muskeln spürst Du? Wie verlagert sich Dein Gewicht von einem Bein auf das andere? Wie fühlt es sich an, wenn der Fuß auf der nächsten Stufe aufkommt?

Oder beim Zähneputzen: Wie schmeckt die Zahnpasta am Anfang? Wie verändert sich die Konsistenz im Laufe der zwei Minuten? Wie bewegt sich Deine Hand dabei eigentlich?

Es geht nicht darum, von nun an jede Alltagshandlung bewusst zu analysieren. Das würde wahrscheinlich ziemlich anstrengend werden. Ein Moment hier und da genügt.

Je öfter Du Deine Aufmerksamkeit bewusst wieder zu dem zurückholst, was gerade da ist, desto vertrauter kann dieses kurze Innehalten werden. Du übst im Grunde immer wieder dieselbe Bewegung: bemerken, wo Deine Aufmerksamkeit gerade ist, und bewusst wahrnehmen.

Das kann Dir mit der Zeit auch in Situationen helfen, in denen mehr auf dem Spiel steht. Wenn jemand etwas sagt, das Dich trifft. Wenn Du merkst, dass Dir gerade alles zu viel wird. Wenn Du kurz davor bist, automatisch Ja zu sagen oder Dich sofort zu rechtfertigen.

Dann ist dieses Wahrnehmen nicht mehr ganz so fremd.

Inga Mehlhardt, Psychologische Beraterin und Coach

Wenn Du Dich im Alltag selbst wieder früher wahrnehmen und weniger automatisch reagieren möchtest, kann Achtsamkeit auch in unserer gemeinsamen Arbeit eine Rolle spielen.

Dann ist das kein Zeichen dafür, dass Du Achtsamkeit nicht kannst.

Wenn Du unter der Dusche nach zehn Sekunden wieder über die Einkaufsliste nachdenkst oder beim bewussten Gehen plötzlich bei einem Gespräch von gestern landest, ist nichts schiefgegangen. Der Moment, in dem Du bemerkst, dass Deine Gedanken abgeschweift sind, gehört schon zur Übung.

Du kannst Deine Aufmerksamkeit wieder zurückholen. Und später vielleicht noch einmal.

Mir gefällt diese Vorstellung besser als die Idee, man müsse durch Achtsamkeit besonders ruhig, konzentriert oder ausgeglichen werden. Sonst wird daraus schnell die nächste Aufgabe, die wir möglichst gut erledigen wollen.

Achtsamkeit kann angenehm sein, muss es aber nicht. Wenn Du gerade erschöpft, traurig oder wütend bist, bemerkst Du beim genaueren Hinschauen möglicherweise genau das. Auch dann funktioniert die Übung.

Für mich geht es bei Achtsamkeit deshalb nicht darum, ständig im Hier und Jetzt zu leben. Es geht darum, mich im eigenen Alltag immer wieder einmal mitzubekommen.

Zu merken, was ich denke, was ich fühle, was mein Körper gerade signalisiert und was um mich herum passiert.

Denn erst wenn ich etwas wahrnehme, habe ich überhaupt die Möglichkeit zu entscheiden, wie ich damit umgehen möchte.

Und wenn meine Gedanken trotzdem abschweifen?

Inga Mehlhardt

Psychologische Beraterin, Personal Coach &
Hypnose Coach Practitioner

Weiterbildungen in:

  • Achtsamkeitscoaching und Naturachtsamkeit
  • kognitivem und lösungsorientiertem Coaching
Inga Mehlhardt mit freudlichem Blick zur Seite

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